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Become a better angel

Die «besseren Engel» von David Blankenhorn

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July 14, 2017

von Rita Schwarzer, Neue Burcher Zeitung, 7/14/2017

Die meisten Leute in David Blankenhorns Umfeld sind überzeugte Trump-Gegner und waren entsetzt über dessen Wahlsieg. Dennoch verdrängte der 52-jährige Soziologe zunächst jede Art von Emotionen und versuchte stattdessen, seine Umgebung zu beruhigen: «Wir hatten schon andere problematische Präsidenten. Wir werden auch ihn überstehen.» Trotzdem schritt Blankenhorn schnell zur Tat und gründete die Organisation Better Angels. Namengebend war ein Zitat des Präsidenten Abraham Lincoln, der kurz vor Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs an die Friedfertigkeit seiner Landsleute appellierte und an deren «besseren Engel».«Damit», so Blankenhorn, «meinte er den guten Teil in jedem und jeder Einzelnen von uns.» Er fürchtet, die amerikanische Gesellschaft könnte erneut in eine Phase der Gewalt abgleiten. «Die meisten, die ich kenne, haben noch nie ein derartiges Ausmass an politischer Feindseligkeit erlebt.»

Blankenhorn weiss aus Erfahrung, dass Menschen mit gegensätzlichen Sichtweisen nicht zwingend Feinde sein müssen. Als Gründer des Institute for American Values und Co-Direktor des Marriage Opportunity Council war er bis vor einigen Jahren einer der prominentesten und glühendsten Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe in den USA – bis er Jonathan Rauch kennenlernte, den Autor des Buches «Gay Marriage. Why It Is Good for Gays, Good for Straights, and Good for America». Die beiden Männer begegneten sich erstmals während einer Debatte an einer Konferenz. Sie blieben in Kontakt, kamen sich im Laufe der Zeit näher und sind heute Freunde.

Im Kern basiert das Konzept von Better Angels auf der Bereitschaft, «einander zuzuhören, ohne den anderen umstimmen zu wollen».

Diese Erfahrung mit Rauch und weiteren Homosexuellen aus dessen Freundeskreis bewog Blankenhorn schliesslich dazu, seinen Widerstand gegen den Trauschein für gleichgeschlechtliche Paare aufzugeben. In einem Kommentar in der «New York Times» gab er seinen Meinungswandel bekannt.

Im Kern basiert das Konzept von Better Angels auf der Bereitschaft, «einander zuzuhören, ohne den anderen umstimmen zu wollen». Im Gliedstaat Ohio fand Blankenhorn 21 Frauen und Männer, die bereit waren, sich unter Anleitung erfahrener Coachs zwei Tage lang zusammenzusetzen: 11 Liberale, 10 Konservative. Sie wollten mehr erfahren über die Gefühle, Überzeugungen und Erfahrungen der Andersdenkenden und über mögliche Gemeinsamkeiten.

Inzwischen hat Better Angles sechs solcher Gemeinde-Workshops in verschiedenen Regionen der USA durchgeführt. Spontane Freundschaften über die politischen Grenzen hinweg sind noch keine entstanden. «Aber wir mailen uns jetzt regelmässig und haben auch schon ein paar gemeinsame Projekte», sagt die 70-jährige Trump-Wählerin Jean McVey. Vor allem aber hat sie erkannt: «Wir mögen politisch unterschiedlicher Auffassung sein, aber letztlich wollen wir alle nur das Beste für unser Land.» Auch die Afroamerikanerin Angela Brown sieht politisch Andersdenkende inzwischen «wieder als menschliche Wesen» und nicht mehr als Feinde. «Im aufgeheizten Klima», sagt die 45-jährige Städteplanerin, «geht dies so schnell vergessen». Dennoch war der Workshop keineswegs spannungsfrei. Einer der weissen Trump-Anhänger bezeichnete Brown zum Beispiel als «colored», das ist ein Begriff aus der Ära der Rassentrennung, für den er sich später auf Anraten anderer Gruppenmitglieder entschuldigte. «Am Schluss des zweitägigen Treffens wurde es sogar richtig emotional», erinnert sich Brown. «Einige Leute umarmten sich, da und dort flossen sogar Tränen.»

Seit dem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, ist Better Angels auf Bus-Tour quer durchs Land. An mindestens dreissig verschiedenen Orten sollen Workshops stattfinden. Auch im südlichen Mississippi, wo die Zeit seit Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben zu sein scheint. Erst im kommenden August und erst nach vielen juristischen Schlachten werden schwarze und weisse Kinder aus der dortigen Kleinstadt Cleveland erstmals gemeinsam die Schulbank drücken – 63 Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof des Landes die Segregation in öffentlichen Klassenzimmern als verfassungswidrig erklärt hat. In Mississippi, so Blankenhorn, werde es nicht nur um das Thema Verständigung zwischen (weissen) Republikanern und (schwarzen) Demokraten gehen, sondern auch um das Thema Rassismus.

Source: https://www.nzz.ch/gesellschaft/better-angels-david-blankenhorn-ld.1305878